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Heilt Autismus nicht!
Ich bin kein Freund von Gruppen wie "Cure Autism Now"
(Heilt Autismus jetzt) oder "Defeat Autism Now" (Besiegt Autismus jetzt) und
ihrem beachtlichen Anhang an Eltern autistischer Kinder. Sie nehmen wohl an,
dass jedermann ihre Vorstellung teilt, Autismus sei etwas Schreckliches und
dass es für jeden klar sei, dass Autismus ausgerottet gehört. Damit irren
sie aber. Wie viele andere autistische Betroffene, betrachte ich Autismus
nicht als etwas Schreckliches. Das heißt aber nicht, dass ich mit den
Heilt-Autismus-Leuten nichts gemeinsam hätte. Genau wie sie möchte ich, dass
das Leiden, dass mit Autismus verbunden sein kann, aufhört. Ich möchte, dass
alle Kommunikationsprobleme, der Mangel an Selbsthilfefähigkeiten und die
Unfähigkeit, eigenständig zu leben, aufhören. Dieses Ziel ist dasselbe wie
bei den genannten Gruppen. Warum also betrachte ich sie dennoch als Gegner?
Nun, die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Man findet sie, wenn man
hinschaut, im Namen der Gruppen. Würden sie uns wirklich akzeptieren, als
gleichwertige Individuen, dann würden sie nicht versuchen, uns zu heilen
oder uns zu bekämpfen. Ob sie das so meinen oder nicht, aber so
interpretiere ich ihre Anstrengungen und ich bin mit diesem Gedankengang
nicht alleine. Autistisch zu sein ist etwas Wesensimmanentes - es ist Teil
dessen, was jemand ist und es kann von ihm nicht entfernt werden (wenn es
denn eine Heilung gäbe), ohne die Persönlichkeit desjenigen irreparabel zu
schädigen. Mich zu heilen heißt: mich zu zerstören und mich durch jemand
anderes zu ersetzen... jemand Normaleres, jemand, den die Klasse der
engstirnigeren normalen Leute besser tolerieren kann. Autismus zu kurieren
heißt: Menschen wie mich von der Erde verschwinden zu lassen... meine Sorte
Mensch ganz auszulöschen. Ich betrachte das als eine Art Völkermord. Ich
betrachte die Auslöschung von Menschen meiner Art nicht als die "Endlösung"
der Probleme, die Autismus mit sich bringen kann.
Von Autismus zu reden als sei es eine Krankheit, ist für sich schon
problematisch. Krankheiten sind schließlich schlecht und solange man
Autismus als eine solche sieht, werden die Leute immer an die Notwendigkeit
einer Heilung glauben. Würde man "Schwarzsein" (also der schwarzen,
negroiden Rasse anzugehören) als eine Krankheit ansehen, würde es wohl auch
eine Diskussion um eine Heilung davon geben. Die Leute könnten darauf
hinweisen, dass schwarze Menschen in der Regel ärmer und weniger gut
ausgebildet sind und ein weniger angenehmes Leben leben als "normale"
Menschen (das wäre dann jede Gruppe, die groß genug ist, um ihre Lebensweise
zur einzig korrekten erklären zu können). Dasselbe, was man über das Leiden
aufgrund des Autistischseins sagen kann, lässt sich auch über das Leiden
aufgrund einer bestimmten Rasse sagen. Sicher sind die Probleme, die schwer
betroffene autistische Menschen haben, weit größer als die Probleme
aufgrund der Rasse, aber der Punkt ist der, dass man diese Probleme, und
nicht Autismus selbst, als den "Gegner" sehen sollte.
Man male sich den Aufruhr aus, den es geben würde, wenn man sich an eine
Kampagne zur "Bekämpfung des Schwarzseins" machen würde. Selbst wenn die
Motivation dazu ein humanitärer Wunsch zur Beendigung der negativen Aspekte
des Schwarzseins wäre, glauben Sie, die schwarzen Menschen würden ein
solches Ziel unterstützen? Natürlich nicht. Sie würden zu den Waffen greifen
und das mit Recht. Der Irrsinn, der hinter der Idee steckt, eine ganze
Gruppe auslöschen zu wollen, um das Leiden, das manche von ihnen erdulden
müssen, zu beenden (und ebenso die Belastung, die sie für die Mehrheit
darstellen, die sich lieber nicht mit ihnen auseinandersetzen möchte), wird
offensichtlich, wenn man dieses Beispiel verwendet. Ich behaupte, dass es
beim Autismus nicht anders ist.
Viele normale Menschen können nicht zwischen dem unterscheiden, was den
eigentlichen Autismus ausmacht und dem, was mit dem Autismus zusammenhängt,
aber selbst nicht Teil des Autismus ist. Die Grenze zwischen beiden ist den
meisten Autisten, mit denen ich gesprochen habe, klar; wenn man es sehen
will, ist es auch ganz offensichtlich. Die unangenehmsten Züge, die man an
Autisten beobachtet, gehören in der Regel nicht zum eigentlichen Autismus.
Diese mit dem Autismus verbundenen Symptome erscheinen bei einigen Autisten,
aber nicht bei allen, und sie sind kein Bestandteil der Diagnose. Zu diesen
Symptomen zählen geistige Zurückgebliebenheit, Wahrnehmungsstörungen,
Verdauungsprobleme, Überempfindlichkeit, selbstverletzendes Verhalten, etc.
Manche Leute sehen diese Symptome, sehen das Leiden, das sie sowohl für den
Betroffenen, wie für seine Pfleger verursachen und sie schließen daraus,
dass Autismus eine schlimme Sache sei.
Es ist wahr, dass diese Aspekte zum weiteren Kreis des autistischen Syndroms
gehören, aber sie gehören nicht zum eigentlichen Autismus selbst. Ich
wünschte, man würde die Heilungsanstrengungen gegen diese Aspekte richten.
Es gibt Autisten, die keine dieser Probleme haben. Wäre es nicht besser,
statt die Autisten auslöschen zu wollen, diese Aspekte auszulöschen? Das
wäre für mich das Vernünftigste. Unter Schwarzen gibt es eine höhere
Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten, am bekanntesten ist die für
Sichelzellenanämie. Statt die gesamte schwarze Rasse auszurotten, um ihr das
Leiden an solchen Krankheiten zu ersparen, wäre es da nicht besser, man
kümmerte sich um die spezifischen Krankheiten selbst?
Das Problem ist, dass viele normale Menschen nicht über ihr eigenes
Konformitätsbedürfnis und ihre Herdenmentalität hinausdenken können und dass
sie nicht erkennen, dass Autisten, so merkwürdig sie ihnen erscheinen,
ebenso gleichwertige Menschen sind wie sie selbst und keine Heilung oder
Besserung brauchen. Sie sehen die negativen Aspekte des Autismus, sehen das
damit verbundene Leiden, und unterscheiden nicht zwischen diesem und dem
"merkwürdigen" Verhalten, das vom Autismus verursacht wird. Sie
unterscheiden nicht zwischen den Aspekten, die zu Behinderungen führen und
den Aspekten, die einfach nur zu Anderssein führen. Für sie ist es insgesamt
ein Problem, das geheilt gehört. Das ist kurzsichtig und es hätte am Ende
fatale Konsequenzen für die ganze Menschheit, für den normalen Teil ebenso
wie für den anderen.
Es ist offensichtlich, dass viele große Denker der Menschheit genug
autistische Symptome hatten, um sich ernsthaft zu überlegen, ob es nicht
einen Zusammenhang zwischen Autismus und Genialität gibt. Der Zusammenhang
zwischen "Exzentrität" und Genialität ist gut dokumentiert; diese "Exzentrität"
aber ist nun in vielem dem so genannten Asperger-Syndrom sehr ähnlich. Ein
überproportional großer Anteil an großen Denkern, Wissenschaftlern,
Erfindern und Reformern in der Geschichte hatten, wie in historischen
Aufzeichnungen dokumentiert ist, genug autistische Symptome, um die Annahme
zu begründen, dass sie zum autistischen Spektrum gehörten. Es stellt sich
heraus, dass viele Züge des Asperger-Syndroms genau das ausmachen, was
Voraussetzung ist, um ein Reformer und Denker einer Gesellschaft zu werden.
Autismus zu kurieren würde auch diese Menschen normaler machen, aber wollen
wir das wirklich? Ein Genie normal zu machen heißt: ihm seine Gabe zu nehmen
und damit das, was diese Genies der Gesellschaft zu geben haben.
In der Fachliteratur findet man die Angabe, dass rund 80% der Autisten
geistig zurückgeblieben seien, aber das ist absolut nicht wahr. Man schätzt,
dass unter allen Autisten vier von fünf das Asperger-Syndrom haben. Heute
geht es nicht mehr um die Frage, ob Autismus etwas mit dem Asperger-Syndrom
zu tun hat; heute weiß man, dass beides auf demselben Spektrum liegt und
dass in Wahrheit beides nur unterschiedliche Schweregrade derselben Störung
sind. Man hat auch beobachtet, dass Menschen mit dem Asperger-Syndrom in der
Regel durchschnittliche, ja oft deutlich über dem Durchschnitt liegende
Intelligenz besitzen. Damit ist Autismus keine Störung, die im Regelfall
geistige Zurückgebliebenheit verursacht; nur 16% der Betroffenen auf dem
Spektrum sind geistig zurückgeblieben. Unter den 80%, die zu der
Asperger-Gruppe gehören, gibt es eine überproportional große Gruppe von
Menschen mit einem IQ im Bereich von Genies. Da aber das Asperger-Syndrom
und Autismus nur zwei Erscheinungsformen einer einzigen Störung sind, würde
die Auslöschung des Autismus auch die Auslöschung des Asperger-Syndroms
bedeuten.
Autismus zu "heilen" oder auszulöschen, um die Probleme, die 16-20% der
Autisten haben auszulöschen und dabei das Risiko einzugehen, dass der
Gesellschaft dadurch ein hoher Prozentsatz an großen Denkern verloren geht,
wäre schrecklich kontraproduktiv. Bedenkt man, dass die schwerer betroffenen
Autisten dieselbe genetische Ausstattung haben wie die Asperger-Autisten
(wie man an Zwillingsstudien sehen kann, wo unter eineiigen Zwillingspaaren
sowohl Autismus als auch das Asperger-Syndrom auftreten), dann scheint es
viel vernünftiger zu sein, zu erforschen, warum manche schwerer
beeinträchtigt werden und zu fragen, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, dies
zu verhindern.
Niemand will, dass Menschen wegen ihrer Wahrnehmungsprobleme leiden oder
wegen ihrer Unfähigkeit, zu kommunizieren oder weil sie nicht in der Lage
sind, ohne ständige Hilfe zu leben, wie das bei vielen Autisten ein Leben
lang der Fall ist. Das bedeutet aber nicht, dass die gesamte Gruppe, und
damit notwendigerweise auch begabtere Autisten wie ich, ausgelöscht werden
muss. Die Lösung erscheint für mich so offensichtlich: man lösche die
schlimmen Aspekte, die mit dem Autismus verbunden sind, aus und rühme und
anerkenne den wunderbaren Beitrag, den der Unterschied zwischen normalen und
autistischen Menschen zur Gesellschaft beisteuert. Führt keinen Krieg gegen
den Autismus, denn wenn ihr ihn gewinnt, das heißt, wenn ihr den Autismus
tatsächlich besiegt, dann verliert die Gesellschaft als Ganze. Lasst uns
stattdessen den Autismus rühmen und autistischen Menschen dabei helfen, ihr
Potenzial auszuleben. Wir werden es dann anerkennen und die Gesellschaft
wird davon profitieren.
Dieser Text stammt von Frank Klein mit
Genehmigung veröffentlicht (seine
Webseite).
Übersetzung: Rainer Döhle
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